Villa 102
Denkmalschutz konkret

Denkmalschutz konkret

Deckenkunst mit Fingerspitzengefühl

Der Blick nach oben lohnt sich in der Villa 102. Die Decken des historischen Gebäudes sind mit kunstvollem Stuck verziert. Für Stuckateurmeister und Restaurator Tilmann Breyer ist es eine wahre Freude, diese Meisterwerke instand zu setzen.

Kassettendecken mit Dekorspiegel, vielfältige Ornamentik und reichlich strukturierte Fläche: Die Stuckdecken der Villa 102 verraten viel über den Reichtum ihrer Erbaeuer wie auch über deren Geschmack. „Das ist echtes Kunsthandwerk, eine super Arbeit, das konnte nicht jeder“, urteilt Tilmann Breyer über die Luxusware an den Decken der Bockenheimer Landstraße 102. Er ist überzeugt, dass die jeweiligen Räume des Hauses nur zusammen mit ihrer Stuckdecke als Kunstwerk richtig zur Geltung kommen: „Ohne die Stuckarbeiten würde die Villa eine andere sein und den wesentlichen Teil ihrer heutigen Wirkung einbüßen.“

Passion aus Verantwortung

Villa 102

Der Stuckateurmeister und Restaurator aus Oberursel ist für die Ergänzung und Auffrischung des Stucks im Kulturdenkmal zuständig, dessen Sanierung in diesem Jahr endet. Er ist einer der wenigen, die historische Arbeiten dieser Art noch ausführen können. Gegen die Beschränkung auf die Haupttätigkeit seines Berufsstands – bei Putzarbeiten mit Mörtel möglichst große Innen- und Außenflächen zu verkleiden – entschied er sich bereits während seiner 1987 abgeschlossenen Lehre bei der Frankfurter Maler- und Stuckwerkstätte Hembus. Sie ist auf die Pflege des Erbes des Berufsstands spezialisiert: „Mir macht diese Arbeit Spaß und ich wollte nicht nur haufenweise glatte Quadratmeter produzieren.“ Seinen Meister machte Breyer 1994, danach bildete er sich in Frankreich und Venedig weiter und verfeinerte seine Technik. Seine Arbeit ist für ihn Passion, er hat einen feinen Sinn für traditionelle und künstlerische Stilelemente, daher gefällt ihm die Tätigkeit in der Villa: „Der Zustand des Stucks ist gut und der Stil sehr schön.“ Gerne übernimmt er daher die Verantwortung für die Restaurierung der vorhandenen Substanz und das Schließen zahlreicher Öffnungen, die für Stromkabel gemacht wurden. Kunstsinn und Kreativität sind für seine Arbeit ein Muss. Viele kulturhistorisch bedeutende Gebäude wie das Gesellschaftshaus des Palmengartens stehen auch dank seiner Hilfe in neuer Blüte. Dass er auch modernen Ansprüchen genügen kann, bewies er unter anderem im ehemaligen „Stars“-Restaurant im Kellergeschoss des Messeturms.

Von der Dekoration zum Störfaktor

Die dekorative Form des Stucks, der in der Regel aus einem Gemisch aus Mörtel, Kalk und Gips besteht, mit seinen plastischen Ausformungen filigraner Verzierungen an Wänden, Decken und Gewölben ist bereits seit der Antike eine der wichtigsten Techniken zur Gestaltung von Innenräumen und Fassaden. Die Form des Schmucks, wie er in der Villa zu sehen ist, wurde jedoch schon wenige Jahre nach deren Fertigstellung mit Einzug der Moderne aus der Architektur nahezu verbannt. In der Nachkriegszeit galt er sogar als störend. Neben einem veränderten Geschmack schlugen hier auch die hohen Restaurierungskosten zu Buche. Gerade aus dem Frankfurter Westend gab es in den 1960er- und 1970er-Jahren zahlreiche Berichte vom nächtlichen Abschlagen des Stucks.. Mit illegalen Maßnahmen wurden Fakten hin zu modernen Architekturvorstellungen geschaffen. Diesem Nachkriegsvandalismus entgingen glücklicherweise einige Decken, die „abgehängt“ wurden. In den hohen Altbauräumen wurde eine Decke unter der Stuckdecke eingezogen. Zwar führte dies zu teils erheblichen Beschädigungen, doch blieb wenigstens die Substanz erhalten.

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Geduld bei der Feinarbeit

Eine solche Abhängung betraf in der Villa nur eine alte Holzdecke, der Stuck war stets prägend für die Wahrnehmung der ehemaligen Großbürgervilla. Bevor es in ihr an die Feinarbeit ging, musste jedoch der vorhandene Stuckbereich mittels Abbeizen alter Farbschichten aufwendig gesäubert werden: „Das war ein richtiges Geschäft, die Ölfarbe hat enorm viel Arbeit gemacht“, so Breyer. Anschließend war Qualitätsarbeit nach Vorgaben des Denkmalschutzes gefragt. „Die Villa ist kein Alltag“, hier galt es, zahlreiche Techniken anzuwenden. Breyer baute beispielsweise fehlende oder zerstörte Stuckteile im Betrieb mit Stuckmörtel nach. Dabei breitete er die Mörtelmasse auf einem Tisch aus und zog die gewünschte Form mit einer eigens angefertigten Schablone nach (Zugarbeit). Anschließend wurden die Teile sorgfältig implementiert und vor zukünftigen Einflüssen geschützt. An anderen Stellen goss er die Stuckmasse in eine an das Original angelehnte Negativform und fügte sie nach dem Aushärten eine (Form-, Guss- und Versetzarbeit). Andere Elemente formte er direkt auf dem Mauerwerk in der noch weichen Stuckmasse nach (Antragearbeit). Eine Herausforderung in der Villa 102 stellte das Anwenden der Rabbitztechnik dar. Hierfür fertigte er zunächst eine tragende Unterkonstruktion aus Metall an, auf die er anschließend den Putzmörtel auftrug. Nicht zuletzt musste viel verputzt und gespachtelt werden, was insbesondere in Rundungen und Ecken eine Spezialarbeit war. Eines haben alle Techniken gemein: Ohne Geduld, Konzentration und Geschick führen sie nicht zum Erfolg.

Das Gesamtkunstwerk im Blick

Villa 102

Sein Wissen und Können wird Breyer mangels Nachwuchs nicht weitergeben können: „Nachwuchs zu finden ist sehr schwer, niemand möchte sich mehr die Hände schmutzig machen.“ Ein gewisses Verständnis hat er vor dieser Scheu, denn die Über-Kopf-Arbeit ist körperlich anstrengend, Schulter- und Nackenprobleme sind oft die Folge: „Als Stuckateur arbeite ich meist gegen die Schwerkraft, das führt zu einer einseitigen Zwangshaltung.“ Ihn macht seine Arbeit aber stolz und glücklich: „Ich habe den Drang, Altes zu bewahren, und die Lust und die Geduld an der Sisyphusarbeit.“ Die damit verbundene Befriedigung hält aber nicht lange an, er denkt beim Abschluss einer Baustelle schon an die nächste, bekennt Breyer. Am Ende seines Berufslebens wird er mit seinem Einsatz für historische Bausubstanz auf ein Gesamtkunstwerk zurückblicken können.