Steinmetz Villa 102
Denkmalschutz konkret

Denkmalschutz konkret

Traditionelle Steinmetzarbeit

Die Fassade der Villa 102 spiegelt auch ihre wechselvolle Geschichte wider. Steinmetze restaurierten sie wie schon vor 100 Jahren nach alter Handwerkskunst und mit viel Fingerspitzengefühl.

Hell sprühen die Funken, bis feiner Sandstaub sie umhüllt. Steinmetz Andreas Lienig markiert mit einer Schleifmaschine zunächst die Endlinie, dann wird es traditionell: Er setzt das Eisen an und hämmert mit dem Fäustel einen wahren Regen von Steinsplittern aus dem gelben Sandstein, der schon bald eine Fensterlaibung sein wird. Sein derzeitiger Arbeitsplatz ist die Bockenheimer Landstraße 102. Ihre über 100-jährige, wechselvolle Geschichte spiegelt zum Teil auch die Fassade wider, die von der Vergangenheit zu erzählen scheint. Umbauten, Restaurierungen und Kriegsschäden sind mal verdeckt, mal offen sichtbar.

Historisches Erbe erhalten

Steinmetz Villa 102

Dabei hat die Villa nichts zu verstecken. Im Gegenteil: Bei der noch bis 2017 andauernden Restaurierung gilt es für die Steinmetze, mit authentischer Ersetzung in historischer Technik die ursprüngliche Substanz zu erhalten. Wenn Schäden die Verwendung neuer Materialien nötig machen, werden diese den ursprünglichen angepasst. Das Hauptziel der KfW, ein nachhaltiges Kulturdenkmal für Begegnungen und Inspiration zu schaffen und dabei das historische Erbe der Villa zu erhalten, steht über allem. Und so wird der aus der Nähe von Bamberg stammende gelbe Sandstein wie schon vor 100 Jahren nach alter Handwerkskunst bearbeitet. Computergesteuerte Hightech-Steinbearbeitungsmaschinen sind nicht willkommen, schließlich konkurriert die Fassade der Villa mit zahlreichen traditionell gefertigten Häusern in der Umgebung, bei denen der gelbe Sandstein ebenfalls zu bewundern ist.

Originalgetreue Restaurierung

Steinmetz Villa 102

Für diesen edlen Wettstreit nutzt Andreas Lienig auch eine einfache Klangprobe. Er schlägt den Stein an und erkennt am Klang, ob er bei der weiteren Bearbeitung Risse oder Schichtbildung zu erwarten hat. Dumpfe Klänge verraten dabei Schäden, die von außen nicht zu erkennen sind. Klingt es hell, ist alles in Ordnung. Doch der Klang ist nicht alles. Was für Lienig zählt, ist das Gefühl für den Stein. Dieses hat er sich in jahrelanger Arbeit mit den bloßen Händen erworben: „Man kann fühlen, wie der Stein reißt und ob er nachgibt.“ Sein Wissen nutzt er im Groben wie im Feinen. Mal klopft er größere Teile eines Steins weg, mal tätigt er Feinarbeiten mit kleineren Werkzeugen, wie beispielsweise an den Löwenköpfen oder den Kinderfiguren. Um originalgetreu zu restaurieren, orientiert sich Steinmetz Lienig dabei an den vorhandenen Werken und Steinkonstruktionen.

Restauration handwerklicher Meisterwerke

Steinmetz Villa 102

Für diese denkmalgerechte Sanierung und Restaurierung der Steinfassade der Villa 102 ist die Firma DK Steintechnik GmbH von Daniel Kaufmann zuständig. In seiner über 30-jährigen Tätigkeit als Steinrestaurator arbeitete er mit seiner Firma unter anderem an Gebäuden wie dem Europäischen Justizministerium in Luxemburg, der Staatskanzlei in Wiesbaden sowie der Frankfurter Alten Oper. Daniel Kaufmann hat als Steinmetz seinen Traumberuf gefunden: „Es gibt immer etwas anderes zu tun, es ist immer eine Herausforderung.“ So auch in der Villa 102. Kaufmann und seine Firma sorgen neben der fachgerechten Restaurierung der Außenfassade auch für die originalgetreue Wiederherstellung der Fliesen und Marmorbeläge im Inneren der Villa. Und das ist nicht immer einfach: Während der Bauarbeiten stößt man immer wieder auf Umbauten aus den Nachkriegsjahren, die teilweise beseitigt werden müssen, um die ursprüngliche Gebäudestruktur wiederherzustellen. Im Erdgeschoss muss daher eine Fensterlaibung vollständig erneuert werden, zudem sind aufgrund von Witterungsschäden, unsachgemäßen Reparaturen früherer Zeiten sowie Kriegsschäden einige Ausbesserungen notwendig. Bei den Ausbesserungen des Gesteins – der Vierung – wird die betroffene Stelle in Form eines Vierecks ausgeschnitten und durch einen neuen Stein, der mittels Steinkleber befestigt wird, ersetzt. Hier kommt die sorgsame Handarbeit des Steinmetzen ins Spiel. Mit Fingerspitzengefühl wird der neue Stein an das Originalgestein angepasst. Der Unterschied ist kaum noch zu erkennen.

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100 Jahre Sauberkeit

Zur Restaurierung gehört neben den Ausbesserungsarbeiten auch eine Säuberung der Fassade. Beim sogenannten Niederdruck-Wirbelstrom-Sandstrahlverfahren wurde die Fassade mit feinem Sand besprüht. „Dies ist die derzeit materialschonendste Art, mit der wir selbst empfindliche Steinoberflächen reinigen können“, versichert Kaufmann. Das Verfahren ermöglichte es, unter anderem Ruß, Moos und mineralische Ablagerungen zu entfernen. „Die nächsten 100 Jahre ist eine solche Reinigung voraussichtlich nicht mehr nötig“, ist sich Kaufmann sicher: „Der Stein hat eine extrem hohe Qualität, die man gar nicht hoch genug schätzen kann. Die Villa wird uns noch alle überleben.“