Schreiner
Denkmalschutz konkret

Denkmalschutz konkret

Holz – ein Werkstoff, der fasziniert

Heimische Eiche, Ulme und Edelhölzer wie Sapeli und Palisander zieren die Räume der Villa 102. Um die Hölzer zu pflegen und restaurieren, bedarf es Handwerkskunst und Liebe zum Detail. Tischlermeister Michael Wehrmann bringt beides mit und erzählt von seiner Arbeit in den historischen Räumen.

Das angenehme Wohnklima der Bockenheimer Landstraße 102 zog deren Besucher stets in ihren Bann. Für die Wärme, die die Villa 102 ausstrahlt, sorgt vor allem der natürliche Werkstoff Holz. Während im Foyer die heimische Eiche vorherrscht, dominieren in den Empfangsräumen zur Straße hin tropische Edelhölzer wie Sapeli und Palisander, daneben aber auch die heimische Rüster (Ulme) . Damit demonstrierten die Erbauer der Villa ihren guten Geschmack ebenso wie die Gedanken, die sie sich beim Einsatz der verschiedenen Hölzer machten.

Status und Geschmack

Villa 102

„Man kann die jeweilige Absicht der ehemaligen Hausherrschaft, was sie mit der Verwendung der Hölzer ausdrücken wollte, sehr gut nachvollziehen“, urteilt Tischlermeister Michael Wehrmann. „Die Eiche im Foyer ist für den warmen Grundton verantwortlich, war auf Wirkung bedacht und sollte Eindruck machen. Auch das Holz aus fernen Ländern war stets eine Frage von Status beziehungsweise Geschmackssinn.“ Wehrmann weiß, wovon er spricht. Er macht zurzeit eine Ausbildung zum Restaurator im Tischlerhandwerk und ist als erfahrener Projektleiter zuständig für die bis zu sechs Mitarbeiter, die sich seit eineinhalb Jahren um die historischen Schreinerarbeiten in der Villa 102 kümmern. Sein Arbeitgeber ist der Lemgoer Altbauspezialist Kramp & Kramp, der Ende 2017 den Bundespreis für Handwerk in der Denkmalpflege erhielt.

Die Liebe zum Holz

Villa 102

Es war die Liebe zum Holz, die Wehrmann vom ursprünglichen Traumberuf Architekt Abstand nehmen ließ. Stattdessen machte er eine Schreinerlehre. Nach einem Frankreichaufenthalt in Nantes, den ein Stipendium ermöglichte, machte er seinen Meister. Die Passion wurde zum Beruf. Ihn faszinierte stets der Weg vom natürlich gewachsenen Baum im Wald hin zum gefertigten Produkt: „Es macht einen stolz, vor seinem Werk zu stehen und zu sehen, was aus dem groben Stamm geworden ist.“ Er nimmt eine ganz eigene Ausstrahlung wahr, die er bei keinem anderen Werkstoff empfindet, und liebt die vielen Möglichkeiten, die dieser bietet. Ein Lieblingsholz kennt er nicht, denn jedes Holz hat seinen eigenen Reiz, entscheidend sind für ihn die Verarbeitung und Nutzung.

Eine üppige Ausstattung

Villa 102

In der Villa 102 hat er Gelegenheit, sich ausgiebig mit seiner Liebe zu beschäftigen: Sie ist – auch im Vergleich zu vielen Häusern aus ihrer Epoche – recht üppig mit arbeitsintensiven Kunstschreinerhandarbeiten ausgestattet. Insbesondere die Qualität der Schnitzarbeiten auf großen Paneelen ebenso wie in filigranen Ornamenten beurteilt Wehrmann als sehr gut, liebevoll und aufwendig gearbeitet: „Das spricht für die finanziellen Möglichkeiten der Erbauer ebenso wie für deren ästhetisches Empfinden.“ Doch nicht alles befindet sich im Originalzustand. Die Zeit hat auch in der Villa ihre Spuren hinterlassen, es finden sich immer wieder Stellen, die in den letzten einhundert Jahren ausgebessert oder ersetzt wurden. Wehrmann legte Wert darauf, bei seinen Ergänzungen und Rekonstruktionen – mal eine Tür, mal ein Teil des Geländers – stets das Ursprüngliche herauszuarbeiten: „Und das alles von Hand, Maschinen finden beim Kunstschnitzer kaum Anwendung.“ Die langwierige Arbeit erfordert viel Liebe zum Detail und Geduld.

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Die Fülle der Arbeiten

Obwohl er der Meinung ist, dass man Ausbesserungsarbeiten von ursprünglichen unterscheiden können darf, wird das frische Holz an das alte farblich angeglichen. Dieses „Beipatinieren“ erfolgt mittels Farbbeize auf Ölbasis. Kleinere Löcher hingegen gilt es mit Weichwachs auszubessern. Vom Holzwurm befallene Stellen werden „gesund“ geschnitten: Das befallene Holz wird entfernt und durch neues, zertifiziertes Holz ersetzt. Manches gilt es nur mit Spiritus zu reinigen, doch auf weiten Teilen der Holzflächen sind die alten Anstriche zu entfernen. Beim „Entlacken“ kommt je nach Bedarf das chemische (Entlackungspaste) oder thermische Entlackungsverfahren (Heißdampf) zum Einsatz. Im Anschluss wird das Holz neu geölt. „Nun kommen die ursprüngliche Schönheit und die natürliche Patina des Materials wieder mehr zur Geltung“, ist sich Wehrmann sicher. Eine Herausforderung sind die teilweise nicht fachgerechten Ausbesserungsarbeiten vergangener Zeiten. Die Villa schätzt er wegen dieser Fülle der Arbeiten und der Vielzahl der Holzarbeiten als ein schönes und interessantes Objekt.

Nicht von der Stange

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Es reiht sich ein in eine Vielzahl von Frankfurter Häusern, in denen Wehrmann bereits gearbeitet hat: „Jedes Mal, wenn ich in die Stadt fahre, habe ich viele Bilder von ehemaligen Baustellen im Kopf. Das sind schöne Bilder von tollen Projekten.“ Ihm gefällt die Vielfältigkeit seiner Arbeit, die stets in Baudenkmälern aus ganz unterschiedlichen Zeiten stattfindet. Jedes Gebäude ist dabei ebenso individuell wie die Lösungen, die für die Themen vor Ort gefragt sind. Besondere Freude bereitet ihm, dass er keine Arbeit „von der Stange“ abliefert. So schuf er in der Villa 102 speziell für sie entwickelte magnetisch befestigte Revisionsklappen in den Holzleisten und Holzpaneelen. Sie verstecken die notwendigen Steckdosen in den altehrwürdigen Räumen und sind Unikate für ein einzigartiges Haus.